Birgits letzter Arbeitstag

Wieder so eine Zeitenwende, die nicht so ganz bemerkt wird oder zurück zu mehr Wahrheit


Ein schlichtes ehrliches Dankeschön an RUNDSCHAU-Redakteurin Birgit Rudow. Sie geht in den Ruhestand (Screenshot: LR)
Ein schlichtes ehrliches Dankeschön an RUNDSCHAU-Redakteurin Birgit Rudow. Sie geht in den Ruhestand (Screenshot: LR)

Herzberg. Und jetzt ist der Tag da, an dem Birgit Rudow den Füller zur Seite legt. Es ist ein Abschied, der wehtut und der Symbolkraft besitzt. Denn mit dem letzten Arbeitstag meiner einstigen RUNDSCHAU-Kollegin, auch wenn meine Zeit unendlich lang zurück liegt, geht jetzt für HERZBERG eine Ära zu Ende. Denn sie ist irgendwie die Letzte ihrer Art. Das Verschwinden des Lokal-Printjournalisten, der die Orte und Menschen, über die er berichtet, sehr gut kennt, ist ein lautloses und unumkehrbares Dilemma.

Ich habe lange überlegt, seit wann ich Birgit Rudow von der Lausitzer RUNDSCHAU kenne. Irgendwas um die fünfzehn bis zwanzig Jahre. Wir haben nie einen Kaffee zusammen getrunken oder irgendetwas unternommen. Wir haben gerne zusammengearbeitet und uns immer substanzvoll ausgetauscht. Mir fallen nur wenige Menschen ein, denen ich auf die gleiche Art vertraute und mit denen ich noch dazu so viele gemeinsame Themen hatte. Dazu kam ein Maß an Verlässlichkeit, das selbst unter Freunden und in Familien nicht immer selbstverständlich ist. Eine persönliche Verbundenheit, die auch mit den Verwerfungen des Lokaljournalismus in den vergangenen Jahren zu tun hat.

Erst zog die RUNDSCHAU-Redaktion aus dem Zentrum an den Herzberger Stadtrand. Etwa zeitgleich starb die Redaktion in Jessen und die Jessener Kollegen kamen zum Teil nach Herzberg. Lothar Günther, Antje Posern, Birgit Rudow zuletzt. Es gab unzählige Umstrukturierungen. Mein geschätzter Lokalchef Frank Claus wechselte nach Elsterwerda. Gabi Zahn, deren Schreibstil ich liebte, zog sich aus gesundheitlichen Gründen zurück. Es blieben Birgit Rudow und Sylvia Kunze, zwei Knochenjob-Schreiberinnen, die ständig recherchierten und Texte verfassten, die zu lokalen Universalgelehrten wurden und von einem großen Netzwerk und echten Menschen profitierten. Viele Jahre hielten sie aufrecht, was kaum noch zu zweit zu stemmen war. Parallel dazu schrumpfte der Umfang der Lokalausgabe erheblich. Unglaublich, dass mal zwei teils drei Redakteure, ein Chefredakteur und fünf bis sechs freie Mitarbeiter, so wie ich, eine Herzberger Lokalausgabe mit vier, fünf oder sechs Seiten täglich niveauvoll füllten. Wie viele Gesichter, Erlebnisse, Diskussionen, Debatten und Geschichten - über niemand anderen als uns hier - festgehalten wurden, erscheint heute fast unglaublich.

Es liegt nicht daran, dass der Stoff nicht da wäre, dass zu wenig los sei, dass alles irgendwie den Bach hinunter zu gehen scheint. Nein! Es liegt daran, dass Information – selbst ausgegraben, gesichert und geprüft – zu kostspielig geworden ist.

 

Hier grassiert eine Inflation, die uns künftig teuer zu stehen kommen wird. Wir verlieren die Wahrheit und werden immer anfälliger für Propaganda-Kampagnen, Sensationssucht und Manipulation durch Werbung und Algorithmen.

 

Während es selbstverständlich ist, den Elektriker oder die Autoreparatur zu bezahlen, hat sich die Bereitschaft für gesicherte, in unserem Fall wertvolle lokale Information zu bezahlen, aufgelöst. Stattdessen verrennt sich nahezu jeder am Bildschirm im Dschungel des Internets und stellt erschöpft fest: „Ist ja gar nix mehr los hier bei uns“. Wir kriegen das, wofür wir bezahlen!

 

Die Lausitzer RUNDSCHAU stellt sich dem und wird mit Rico Meißner und Isabell Hartmann einzelne Schlaglichter im Lokalen weiterhin tapfer beleuchten.

Helfen wir dabei, das, was uns ausmacht, überleben zu lassen.

Ein Blick in die USA verrät uns Vieles über eine mögliche Zukunft. Der Lokaljournalismus ist dort schon vor Jahren gestorben. Donald Trump, Präsident und werdender Diktator, nennt Journalisten „Volksfeinde“ und sagt den amerikanischen Medien nach, „unglaublich verlogen“ zu sein. Lügen macht er zu Fakten. Wahrheit, Meinung und Falschinformation werden nicht mehr unterschieden. Das Echte verliert gegen Spott und Verachtung. Was ist am Ende Wirklichkeit? Wir, die wir hier leben. Wir verlieren uns selbst. Und machen dabei fleißig mit.

 

Ex-Historiker der amerikanischen Elite-Uni Yale Timothy Snyder schrieb: „Im Zeitalter des Internets sind wir alle Publizisten, und jeder trägt die private Verantwortung für das Wahrheitsempfinden der Öffentlichkeit“ (Über Tyrannei, C.H. Beck, 2021). Ein Lichtblick, an den ich gern glauben würde, der vielleicht auch Trost an Birgits letztem Arbeitstag bringt. Beherzigen wir das und wird es helfen?

Geschichtsexperte Snyder packt gerade seine Koffer und flüchtet mit seiner Frau, ebenfalls Yale-Professorin, nach Kanada. Vor Trump. Eine Art Spätfolge dessen, was auch uns zu erfassen droht. Höchste Zeit dagegen zu halten!  

Stephanie Kammer